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Ein Brief an Corona

Liebes Corona,

ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals den Mut fassen und dir einen Brief schreiben würde. Denn ich habe dich nicht gemocht. Ich wollte dich nicht und war verärgert darüber, dass du mir meinen Alltag geraubt hast, meine Rituale, meine Pläne, meine Gewohnheiten, meine Struktur und meine Freunde. Ich habe mich so eingeengt und traurig gefühlt, wollte raus und einfach nur mein gewöhnlich altes Leben zurück. Ich habe mich sogar ganz oft lustig über dich gemacht, habe mir lustige Videos über dich angeschaut. Wie dem auch sei, wollte und konnte ich dich einfach nicht wahrhaben. Doch du warst hartnäckig und wolltest mit uns eine Weile bleiben. So habe ich lernen müssen mich mit dir anzufreunden. Ich habe gelernt, meinen Alltag neu zu strukturieren. Die ersten Wochen gingen ziemlich in die Hose. Ja, richtig, schlafen bis halb zwölf, zu ungewöhnlichen Zeiten viel und ungesundes essen, faulenzen, rumjammern und ganz viele Throwbacks Revue passieren lassen. Liebes Corona, mit dir habe ich jedoch gelernt, wieder von neu leben zu lernen. Ich habe mir Ziele vorgenommen und diese Schritt für Schritt umgesetzt, denn ich habe bemerkt, dass mein Alltag mich so nicht befriedigte. Ich war schließlich sehr unproduktiv und ein unproduktiver Alltag sorgt bei mir für Unzufriedenheit. Nicht, dass ich früher keine Ziele hatte, die ich nicht verfolgt habe. Nein, versteh mich bitte nicht falsch. Nur habe ich gemerkt, dass diese Ziele, Pläne und Strukturen nicht meine Eigenen waren. Viele meiner Strukturen und Verpflichtungen waren mir vorgegeben. Es waren nicht meine eigenen leidenschaftlichen Ziele. So habe ich durch dich lernen dürfen, Ziele und Strukturen einzig und allein für mich selber aufzustellen und umzusetzen. Ohne Druck. Mit Liebe und Leidenschaft. Corona, durch dich habe ich gelernt, mehr Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen. Ich habe bemerkt, dass ich in meinem alten und stressigen Alltag meine Liebsten vernachlässigt habe. Ich habe meine Geschwister und meine Eltern besser kennenlernen dürfen. So traurig es auch klingen mag. Ich habe gelernt, wie wertvoll viele Dinge sind, die ich zuvor als Kleinigkeit und Selbstverständlichkeit wahrgenommen haben. Durch dich habe ich mich selber besser kennenlernen dürfen. Denn jetzt habe ich endlich genug Zeit Gutes für mich und meine Seele zu tun.

So habe ich wieder angefangen mehr Bücher zu lesen, Sport zu treiben, zu meditieren und schließlich wonach sich mein Herz schon seit Langem sehnt. Das Schreiben. Ich habe so viele Gedanken, dass ich diese niederschreiben und festhalten muss. So wurde ich aktiv. Ich wurde kreativ, lebendig, zielstrebig und entwickelte mich von Tag zu Tag. Ich habe endlich genug Zeit über mein Ich nachzudenken, über meine Stärken und Schwächen, mich so zu akzeptieren und so zu lieben wie ich bin. Ich habe Zeit über Vergangene Erlebnisse nachzudenken und zu reflektieren, über Zeiten, die ich verdrängt habe. Ich finde mich selber und baue mich von Tag zu Tag auf. Auch erinnerst du mich und wahrscheinlich viele andere da draußen an den Tod. Du lässt uns spüren, dass der Tod Realität ist und dass es jeden von uns zu jeder Zeit egal wo und wann treffen kann. „Von Allah kommen wir und zu ihm kehren wir zurück“ viel zu lange haben wir diesem Vers keine bewusste Bedeutung geschenkt. Danke, dass wir Angst um unser Leben und unsere Gesundheit haben dürfen, um dieses Leben erneut zu schätzen und bewusster zu leben. Danke dafür! “Doch es mag sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch ist. Und Gott weiß es, doch ihr wisset es nicht.” (Quran 2:216)Und wieder einmal hast du mich diesen Vers leben und spüren lassen. Man muss seinen Horizont erweitern, indem man Gedanken zulässt und versucht zu lernen die Dinge von einer positiven Seite zu betrachten. Solange man die Absicht fasst, das Gute in schlechten Zeiten und auch mal das Schlechte in guten Zeiten zu sehen, so wird man es auch finden. „Wer sucht, der findet“, sagt meine Schwester immer. Corona, auch wenn wir uns am Anfang der Zeit nicht anfreunden wollten, bin ich letztendlich doch irgendwie froh, dich kennengelernt zu haben. Du bringst mir viel bei, wir erleben durch dich besondere Momente, die ich gar nicht erzählen möchte, weil sie mir zu wertvoll sind. Es sind Geheimnisse zwischen dir und mir. Liebes Corona, danke, dass du mich treu begleitest und mir neue Wege zeigst. Danke, dass du mich belehrst. Durch dich fühle ich mich nun etwas stärker. Ich fühle mich erholt und freue mich dennoch auf einen neuen Start irgendwann. Ich freue mich schon das Gelernte eines Tages im fließenden und stressigen Alltag umzusetzen. Wünsch mir viel Glück und bleib auch du gesund 😉

PS: Ich danke dir wirklich, aber so langsam kannst du wieder gehen. Deine lebensfrohe Kübra.

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