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Gut ist halt Gut

„Und wie geht es dir heute?“

„Gut“

„Was heisst gut?“

„Gut! Gut ist halt gut“

„Hmm, auf einer Skala von 1-10. Wenn 1 „ganz schlecht gelaunt sein“ und 10 „in bester Laune sein“ bedeutet, wo befindest du dich da genau? Bei mir ist z.B eine 10 wenn ich mit bestimmten Menschen zusammen Zeit verbringe, Spaß habe und viel lache, eine bestimmte positive Emotion sehr intensiv erlebe und spüre. Wenn ich vor Aufregung und Glücklichkeit nur am grinsen bin. 3 ist wenn ich weine und traurig bin. Auf einer 1 war ich bisher nur einmal. Heute bin ich auf einer 7. Ich habe gut geschlafen, ich war heute morgen laufen, fühle mich fit, aber irgendwie fehlt es mir schon an etwas. Wo befindest du dich heute? 

„Hmm. Ich glaube eine sechs. Weißt du Kübra..ich bin eigentlich ein bisschen traurig, weil wir bald umziehen.“, sagte sie in einem leisen, brüchigen Ton und gesenkten Schultern.

Dieses Gespräch habe ich mit meiner achtjährigen Klientin geführt. In dem Moment als sie mir dieses Gefühl der Traurigkeit anvertraut hat, war ich doch sehr überrascht und irgendwie glücklich. Denn sie hatte mir ein Problem, welches sie beschäftigte, anvertraut. Ich habe diese Verzweiflung, Angst und Traurigkeit in ihren Augen ablesen können. Sie redete mit mir, sie vertraute mir, sie hatte ihre Türen mir geöffnet. Und so begann zwischen uns eine sehr vertrauenswürdige Atmosphäre. 

Doch nicht nur bei ihr, sondern auch in meinem privaten Freundschaftskreis habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass solche Skalierungsfragen bzw. spezifische Fragestellungen den Weg in eine vertraute Kommunikation erleichtern. Als ich eines Tages meiner besten Freundin solch eine Frage stellte, musste sie echt sehr lange überlegen, um eine Antwort darauf zu geben. Sie war still, hielt inne und schweifte mit den Gedanken ab. Es war still zwischen uns, sie brauchte Zeit zum Überlegen. Und irgendwann fing auch sie an ihre Gefühle wahrzunehmen und diesen Ausdruck zu verleihen. Langsam rührte sie ihren Kaffee und verlor den Blick, irgendwann erhob sie ihren Kopf und sagte in einem leisen Ton „Ich glaube mich hat noch nie jemand so richtig gefragt, wie es mir geht. Danke“. Diese Rückmeldung machte mich sehr glücklich und ich wusste genau was sie meinte. Ich kannte dieses Gefühl.

Eine so einfach formulierte Frage, auf die wir immer Ein und die selbe Antwort geben. Eine Frage, die oft gestellt wird, doch leider zu kurz kommt. Denn wir alle wissen, dass es nie ernst gemeint ist. Keiner von uns würde auf Anhieb auf solch eine simple Frage eine differenzierte Antwort geben. 

In dem heutigen Beitrag möchte ich betonen, wie wichtig es ist Fragestellungen ganz genau zu formulieren. Wenn ich ernsthaft am Gemütszustand einer Person interessiert bin, dann sollte ich vielleicht auch genauer nachfragen. Ich sollte mir Zeit für diese ernstgemeinte Frage geben und auch Zeit für die Antworten meines Gesprächspartners. 

Denn wie ihr auch an den oben genannten Beispielen sehen könnt, ist es doch interessant und überraschend zugleich wie Menschen auf so eine Frage reagieren. Im ersten Moment sorgt das sogar für Verwirrung. Sie sind gezwungen zu überlegen und wahrzunehmen. Ist es nicht wertvoll, dass solch simple Fragen die Grundlage für eine Vertrautheit zwischen zwei Menschen schaffen. In der Regel sind solche Skalierungsfragen gute Türöffner für eine angenehme und vertraute Kommunikation.

Eine Skala ist sehr individuell, jeder hat unterschiedliche Maßstäbe. Während ein stinknormaler Tag bei Jemandem als eine fünf eingestuft wird, kann es gleichzeitig von Jemand anderem auch als 8 eingestuft werden. Hierbei gibt es kein richtig oder falsch. Man veranschaulicht dem gegenüber lediglich ungefähr wie es einem geht. Das der andere das genauso erlebt und spürt wie du, wird höchstwahrscheinlich nicht passieren. Da wir alle Individuen mit verschiedenen Problemen, Erwartungen und Erfahrungen sind und vor allem unterschiedlicher Selbstwahrnehmung. Abgesehen davon, dass man dem anderen einen Eindruck vermittelt, geht es viel mehr um die eigene Selbstwahrnehmung. Wie wirkt sich das auf mich, meine Gedanken und Einstellungen aus, wenn ich mich selber reflektiere, meinen Gemütszustand bewusst wahrnehme. Es wird immer Unterschiede geben von Tag zu Tag und auch innerhalb eines Tages. Diese Skala kann variieren und darf und sollte sie auch. Was es für uns so wertvoll macht, ist einfach nur bewusst wahrzunehmen, wie es uns ergeht. 

Beispielsweise kannst du am Anfang jeder Woche so eine Skalierungsfrage dir selber stellen und dich dann auf eine Zahl einigen. Du kannst das jeden Tag machen und am Ende der Woche die Zahlen miteinander vergleichen. Entweder ist eine Verbesserung, Verschlechterung oder sogar eine Stagnation festzuhalten. Doch diese Tatsache und dieses bewusste selbst- wahr-nehmen wird einen gravierenden Einfluss auf deine Denkweise und Lebenseinstellung haben.

Noch eine kleine Anekdote, um den Sinn solcher Reflexionfragen besser nachzuvollziehen:

Ich habe mich gestern Abend mit einer sehr guten Freundin unterhalten. Sie erzählte mir, dass Sie ja eigentlich dieses Jahr so viel erreicht habe, doch trotzdem das Gefühl der Traurigkeit und Leerheit verspüre. Laut ihr verliefe jeder Tag gleich und naja irgendwie sei das Leben einfach langweilig.

Doch was hat diese Anekdote jetzt mir der eigentlichen Thematik auf sich:

Ich stellte mir dir Frage: Was wenn sie sich jeden Tag reflektieren, ihre Gefühle bewusst wahrnehmen und auf einer Skala festhalten würde. Würden sich im Laufe der Zeit ihre Gedanken und Wahrnehmungen nicht ändern? Natürlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn man sich regelmäßig solche Skalierungsfragen stellt und auch festhält, sich die Sichtweise auf das eigene Leben und das Befinden ändern könnte. Man denkt differenzierter nach, man vergleicht den einen mit dem anderen Tag und bemerkt, dass das Leben eigentlich doch nicht monoton verläuft, wie man denkt. Das nicht jeder Tag schlecht ist. Das man sich nicht immer traurig fühlt. Das es Unterschiede gibt. Das eine Dynamik herrscht.Vielleicht kommt man auch durch diesen Weg auf einen lösungsorientierten Ansatz und stellt sich die Frage „okay was brauche ich, um auf eine acht oder neun zu kommen?“ Man beschäftigt sich automatisch mit den eigenen Gefühlen. Man hört sich selber mal zu und versucht sich zu helfen.

Ich kann aus Erfahrung sagen, egal ob ich es regelmäßig bei mir oder bei anderen anwende, es hat sich immer als sehr wertvoll erwiesen. Es ist auch echt interessant zu sehen, wie Leute darauf reagieren. Man ist Teil intensiver und vertrauenswürdiger Beziehungen. 

Hierzu muss noch gesagt werden:

Selbstreflexion ist etwas was man durch regelmäßiges Wiederholen erlernt und auch immer besser darin wird. Genau wie alle anderen, neuen Sachen, die man neu erlernen und in sein Leben integrieren möchte, auch. Es benötigt viel Zeit, Geduld und intrinsische Motivation. 

„Wisse: Der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis. Wer sich selbst erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt“

Imam Al- Ghazali, Das Elixier der Glückseligkeit

Im Folgenden findest du noch weitere Fragen bzgl. der Selbstwahrnehmung:

  • Was bringe ich heute mit?
  • Was nehme ich heute mit?
  • Wie geht es mir auf einer Skala von 1-10?
  • Wie fühle ich mich im Vergleich zum Anfang der Woche?
  • Diese Emotion, die ich im Augenblick spüre, wo spiegelt sich sich in meinem Körper wieder?
  • Kenne ich diese Emotion? Erinnert sie mich an ein bestimmtes Ereignis, eine bestimmte Person?
  • Wie hört sich heute morgen meine Stimme an? Rau, brüchig, kratzig, weich..?
  • Habe ich heute schon gelächelt?
  • Was hat heute gut geklappt?
  • Welche Emotionen habe ich heute erlebt und wie heißen sie? (Hier vielleicht noch eine Idee: Da Emotionen individuell sind, kannst du ihnen auch ausgedachte Namen geben..)

Das sind die häufigsten Fragen, die ich mir regelmäßig stelle. Fallen dir noch bestimmte Fragestellungen ein? Wie reflektierst du deinen Gemütszustand?

PS: Ich bedanke mich bei einer bestimmten Person, die mir oft Skalierungsfragen gestellt hat und mich zum Nachdenken angeregt hat. Danke für dein ehrliches Interesse..

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