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Deine Wahrheit ist nur relativ.

Jeder betrachtet die Welt aus seinem eigenen Fenster…

Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder glaubt an seine eigene Wahrheit. Jeder glaubt, dass die eigene Wahrheit, die eigenen Einstellungen und Denkweisen zum Leben, einzig und allein die richtigen seien.

Oder? Habe ich unrecht? In den meisten Situationen sind wir doch von unseren Einstellungen und unserem Mindset über jegliche Themen überzeugt. Wenn wir auf Verhaltens-, und Denkweisen treffen, die sich nicht mit unseren Erfahrungen decken, empfinden wir diese meist als „Fremd“. Wir gehen sogar einen Schritt weiter: wir werten es ab und bewerten es als „Falsch“ oder „Negativ“.

Worauf ich heute hinaus möchte wird sich durch eine kurze Anekdote aus meiner Ausbildungszeit besser verdeutlicht:

Im letzten Jahr meiner Ausbildung therapierte ich einen älteren Patienten, der infolge einer Kehlkopfentfernung Sprach-, und Stimmtherapie in Anspruch nahm. Da er nach der Operation keine Stimme mehr verfügte, fehlte ihm unmittelbar nach der Operation und in den weiteren Wochen danach, die Möglichkeit der verbalen Kommunikationsaufnahme. Da er sich verbal noch nicht verständigen konnte, war es umso wichtiger die Therapie auf nonverbale Kommunikationsmittel wie beispielsweise Gestik und Mimik auszubauen. Als ich ihn anfangs therapierte, merkte ich schnell, dass der Patient mit dem asiatischen Hintergrund kaum bis gefühlt nie mit mir Blickkontakt hielt. Dies erschwerte die Kommunikation zwischen uns und durch diese Kommunikationsbarrieren entstanden häufig Missverständnisse. Der Patient wendete seine Blicke ab. Ich, als Therapeutin hatte den Eindruck, dass der Patient desinteressiert und demotiviert sei. Ich war sogar manchmal genervt von seinem Verhalten und konnte es mir nicht erklären. Bis sich schließlich herausstellte, dass der Patient das Halten des Blickkontaktes als unangenehm empfand und insbesondere den Blickkontakt mit einer Frau als unerwünscht. Als ich das erfuhr, konnte ich den Patienten erneut nicht verstehen. Für mich war es selbstverständlich, dass der Patient für eine qualitative Therapie mit mir den Blickkontakt hielt. Ich konnte das Verhalten einfach nicht nachvollziehen. Bis ich schließlich dieses Semester meine Hausarbeit über das Thema „Interkulturelle Kommunikation am Beispiel des Blickkontaktes“ schrieb.

Ich bin wirklich froh darüber, dass ich meine Hausarbeit über dieses wichtige Thema schrieb. Denn durch die Literaturrecherche und wichtige Hinweise meiner Dozentin, wurde mir bewusst, dass ich eine sehr „gefährliche“ Denkweise pflegte und engstirnig war. Ich empfand meine Erfahrungen und Denkweisen als die Richtigen. Dabei steckte ich in meiner eigenen Welt fest. Meine Wahrheit war relativ.

In der Hausarbeit thematisierte ich den Begriff „Überlegenheitsbewusstsein“. Diese besagt, dass jeder Mensch die feste innere Überzeugung pflegt, dass die eigene Kultur, die damit einhergenden Erfahrungen, Verhaltens- und Denkweisen, einzig und allein die Richtigen sein. Auf Fremdes reagieren viele abwertend und stellen es evtl. in Frage. Dabei denkt jeder, dass die eigene Wahrheit, die Richtige sei. Und genau dies zu reflektieren und dem bewusst zu sein, ist ein sehr wichtiger Prozess und eine wichtige Entscheidung. Wir müssen den Gedanken loslassen, dass unsere Wahrheit- DIE Wahrheit ist. Ja, klar..wir können unsere Einstellungen zum Leben und zu bestimmten Themen und Verhaltensweisen etc. haben, selbstverständlich! Trotzdem sollten wir dabei immer beachten, dass es nur die Wahrheit aus unserer Brille aus betrachtet ist. Wir müssen uns daran erinnern, dass es noch viele weitere Brillen gibt. Wir müssen in uns kehren und Verständnis zeigen können. In uns kehren und empathischer werden. Versuchen, den anderen wirklich zu verstehen. Versuchen, den anderen einfach anzunehmen. Es nicht zu werten. Einfach mal zu akzeptieren. Das eigene Verhalten und Denken zu reflektieren. „Open-Minded“ zu Sein meint genau das! Zu erkennen, dass die eigenen Brille, nicht die einzig Wahre ist. Zu wissen, dass es auch weitere Brillen gibt! Sich zu bemühen auch durch andere Gläser zu sehen.

Deine Wahrheit beschränkt sich nur an die Grenzen deiner Erfahrungen. Deine Wahrheit ist in Wahrheit eingeschränkt.

Daher: die Wahrheit, deine Wahrheit- sie ist nur relativ.

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Begegnungen

„Wenn ein Gläubiger in eine Versammlung tritt, wo hundert Heuchler und ein Gläubiger sind, so wird er sich von selbst zu diesem setzen; und wenn ein Heuchler in eine Versammlung kommt, wo hundert Gläubige sind und ein Heuchler, so wird er sich von selbst zu dem Heuchler setzen.“

Das beweist, dass jedes Wesen von Natur zu dem ihm ähnlichen hingezogen wird, auch ohne etwas davon zu wissen.

Als ich diesen Ausspruch des Propheten (Friede sei mit ihm) zum ersten Mal gelesen habe, habe ich am ganzen Körper Gänsehaut bekommen. Mich umhüllte ein Gefühl zwischen Angst und Zuversicht. Ich habe es mehrmals gelesen. Gelesen, nachgedacht, gelesen und bewundert.

Ich dachte an all die Begegnungen in meinem Leben zuvor. Was hatten all diese Begegnungen mit all den Menschen zu bedeuten. All die Begegnungen gewannen an Bedeutung zu.

Sofort erinnerte ich mich an eine Situation:

Mein erster Tag bei einem Kurs:

Ich kannte niemanden. Ich wusste nicht, wen ich treffen würde. Ich war ziemlich aufgeregt und habe nur drauf gehofft, dass das Zusammentreffen mit den anderen angenehm wird und Allah mir ermöglicht gute Menschen zu treffen.

Unsicher, Ängstlich und Unwissend betrat ich den mit vielen Jungen Mädchen gefüllten Raum. Von weitem wirkte es so, als ob alle sich kannten und sehr vertraut waren. Ich fühlte mich fremd. Langsam ging ich in den Raum rein und schaute mich um. Als ich einen freies Plätzchen fand, setze ich mich sofort dorthin.

Ich setzte mich neben ein besonderes Mädchen. Meine heutige beste Freundin. Wir kamen relativ schnell ins Gespräch und mochten uns insgeheim ab der ersten Minute. Schnell stellte sich heraus, dass wir auf einer Wellenlänge waren, ähnliche Ansichten und Gemeinsamkeiten teilten. Eine Begegnung, aus der sich eine vertraute Freundschaft entwickelte.

Doch diese Begegnung ist nur eine von Vielen! Was war mit all den Begegnungen während meines ganzen Lebens. Die Begegnungen in der Schule, auf der Arbeit, im Supermarkt, in der Strassenbahn oder im virtuellen Leben. Begegnungen, die nicht zufällig entstanden. Begegnungen, die Allah plante und ermöglichte. Begegnungen, die Allah erlaubte.

Je mehr ich über das Thema der Begegnungen und über die Tatsache, dass sie nur mit Allahs Erlaubnis geschehen, nachdenke, umarmt mich ein befreindes, warmes Gefühl. Zu wissen, dass Allah mit dir ist und dir diese Begegnungen erlaubt. Egal ob es positiv oder negativ behaftete Begegnungen sind, ganz egal, ob sich Wege kreuzen oder trennen..es geschieht alles mit Allahs Erlaubnis. Alles ist unter seiner Kontrolle. Er lässt Begegnungen zu, die deinem Herzen gleichen. Er schweißt Herzen zusammen. Oder nicht. Er erwärmt zwei Herzen aneinander. Oder nicht. Er ist es, der dies erlaubt oder nicht.

Ab diesem Moment, ist doch alles gleichgültig. Egal, was passiert. Es passiert mit Allahs Erlaubnis. Er ist bei dir und er ermöglicht es dir oder er hält dich fern. Er weiß, was gut und schlecht für dich ist. Vertrau ihm und habe Zuversicht.

„Kalpleri birbirine isindiran ancak O‘dur“ (8:63)

[….du hättest doch nicht Freundschaft in ihre Herzen zu legen vermocht, Allah aber hat Freundschaft in sie gelegt. Wahrlich, Er ist Erhaben, Allweise…]

Und oft habe ich mich sagen hören:
„wie klein die Welt ist..“
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windschief, identisch, parallel…

Kennt ihr noch aus dem Matheunterricht die Lagebeziehungen in Ebene und Raum, oder besser gesagt Themen wie „Vektoren“…

Okay okay, ich gebe es auch zu.. das ist ziemlich lange her…und ja, es ist auch völlig okay, wenn dir die Begriffe nicht mehr geläufig sind. Und es ist auch völlig okay, dass du dich in diesem Moment fragst, worauf ich heute hinausgehen möchte…

Eigentlich möchte ich ein wenig mit bildhaften Vergleichen spielen- Metaphern evtl. finden…

Doch bevor wir uns der emotionalen Interpretationsebene begeben, müssten wir doch einmal das grobe Wissen über die Lagebeziehungen aus dem Matheunterricht auffrischen.

In der Regel gibt es drei Möglichkeiten Lagebeziehungen einer Ebene zu unterteilen:

Die erste, sind die Geraden, die sich lediglich in einem gemeinsamen Punkt schneiden- nennt man auch windschief.

Die zweite, sind die Geraden, die aufeinander liegen, jeden Punkt gemeinsam teilen, identisch sind.

Die letzte, sind jeweils die Geraden die aneinander vorbei verlaufen, dabei exakt den gleichen Abstand voneinander haben- parallel.

windschief, identisch, parallel…

Manchmal kreisen meine Gedanken…

Manchmal bin ich so überfordert und überfragt und stelle mir oft die Frage, welche Gerade ich in meinem Leben bin…

Manchmal grübel ich…ob es mit bestimmten Menschen lediglich windschief war…und sein wird…ich überlege, ob sich irgendwann Wege schneiden werden…schneiden und dann läuft jeder in seine eigene Richtung-voneinander fern- unabhängig-getrennt- selbstbestimmt- windschief…Manchmal überlege ich, ob es diesen einen Schneidepunkt schon gab..

Dann grübel ich weiter..und denke mir, wie es ist, wenn man mit einer bestimmten Person von Anfang bis Ende in die selbe Richtung guckt. Das selbe Ziel verfolgt, vielleicht ein Leben teilt, gemeinsame Punkte hat, an denen man sich trifft..gemeinsame Vorlieben, Visionen, Wünsche und Absichten hat.. wenn man abgestimmt, identisch, gleich und echt ist..wenn man zwei Geraden und eine Linie ist…

Dann grübbel ich weiter…und bekomme Angst…was wenn, man die gleichen Absichten und Wünsche hat…sich aber nie trifft..nie..niemals…denn zwei Parallelen treffen sich niemals…was wenn sich zwei Menschen mit dem selben Ziel, mit den selben Wünschen nie treffen…und erneut umhüllt mich eine Angst…

Entweder es gab einen Schnittpunkt und Wege verlaufen ab nun windschief..Oder Wege führen Hand in Hand zum selben Ziel…oder voneinander getrennt..mit Abstand…zum selben Ziel…nie aneinander wissend…nie aneinander treffend…nie…

Welche Lagebeziehungen hast du mit den Menschen…welche Menschen sind deine Windschiefen, Menschen mit denen, du einst zusammengekommen bist und sich Wege getrennt haben…die du evtl. zurückgelassen hast…welche sind deine Parallelen, jene, die du nie treffen wirst..und welche sind deine Identischen, auf die du immer zählst…Menschen, mit denen du einen Weg gehst..

Jeder von uns durchlebt alle drei Lagebeziehungen. Und das ist völlig okay so…das Leben ist so…Allah setzt die Punkte..Allah bestimmt die Punkte, an denen sich Wege trennen, schneiden und treffen…Er ist der Bestimmer..er ist der Planer…der beste Planer…

PS: ich hoffe dir hat der kurze Exkurs in die Tiefen der Mathematik gefallen…und nein..ich war nie sonderlich gut in Mathe..auch wenn Vektoren tatsächlich mein Lieblingsthema war und ich im Abi in Mathe die 12 Punkte geknackt hatte..viel lieber war mir der Deutsch LK..dort konnte man wenigstens Gedanken kreisen lassen…naja…ich hoffe ich habe dich nicht all zu sehr warten lassen, mit neuen Gedankengängen ..manchmal brauche auch ich meine Zeit…und das ist völlig okay so 🙂

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Ikigai

Ich möchte heute ein wenig über das folgende Wort, welches aus dem Japanischen kommt, einige Gedanken loswerden.

„Ikigai“, ein Wort aus dem Japanischen. Jeder Mensch in Japan hat ein individuelles Ikigai. Ikigai ist das wofür es sich lohnt jeden Morgen aufzustehen; kurz „der Sinn des Lebens“. Der Grund warum viele Menschen in Japan, insbesondere im Dorf „Okinawa“ gesund und glücklich altern, ist, dass jeder von Ihnen einen Lebenssinn verfolgt und jeden Morgen nach diesem strebt. 

Ich habe vor Kurzem das Buch Ikigai gelesen und es hat mich in meiner aktuellen Lebensphase sehr bereichert und mir neue Erkenntnisse und Perspektiven verschaffen. Ich befand mich lange Zeit, auch nach einer zurückgelegten schweren Phase und manchmal noch andauernden Phase in einem „Tief“, wenn man es so nennen darf. Das Leben und auch die aktuellen Umstände empfand ich wie einige es bezeichnen würden als „mütend“. Ja, mir ging und geht es elhamdulillah gut, aber irgend etwas fehlte in meinem Leben. Ich vermisste meine Energie, meine Lebensfreude und die alte Kübi. Ich fragte mich immer, warum ich gerade so fühle, wie ich fühle und warum es ausgerechnet so ungewöhnlich lange andauerte. Denn normalerweise war ich nicht so, so kannte ich die Kübi nicht.

Um wieder zurück zu dem Buch zu kommen: Wie ich schon erwähnt habe, durchleben viele Japaner einen gesunden und glücklichen Lifestyle. Grund dafür ist in erster Linie, dass sie immer aktiv sind. Sie sind immer in Beschäftigung. Sie sind die Macher. Sie haben Ziele, Rituale und Strukturen im Alltag, denen sie nachgehen bzw., die sie anstreben.

Ziele. Das war es was mir fehlte. Nach einer langen Auseinandersetzung meiner Selbst, erkannte ich den Grund meiner lang andauernden ungewöhnlichen Stimmung und Energie. Ich hatte kein Ziel mehr vor den Augen. Ich war nicht mehr fokussiert, wie immer. Ich war nicht mehr in meinem Flow. Das war es im Grunde, was mir ziemlich zu schaffen machte. Deshalb fühlte ich mich wie in einem Tief. 

Denn wenn ich meine bisher erlebte Lebenszeit zurückreflektiere, hatte ich schon immer, wie jeder andere Mensch auch Probleme, Erfolge, Glücksmomente, Höhen und Tiefen. Doch egal in welchem Lebensabschnitt ich mich auch befand, ich hatte immer ein Ziel vor den Augen. Zu Zeiten meiner Schullaufbahn war es like „nur noch 4 Klausuren, dann hast du Herbstferien, halt durch, das schaffst du.“ „Nach den Abiklausuren, fängt ein neuer Lebensabschnitt an“, „nur noch zweimal Nachhilfe geben, dann ist Wochenende“. Während der Ausbildungszeit war es nicht anders „Nur noch zwei Therapien, der Bericht und dann Wochenende“ „diese und jene Klausur, dann Sommerferien“, „nach dem Lockdown, fängt das Examen an“. Kurz vor dem Examen „das Examen, dann dieser eine Termin, dieser Geburtstag, Oma besuchen, dieses Treffen, dies und jenes“ Kurz um: Es gab immer etwas vor meinen Augen, etwas worauf ich abzielte, etwas worauf ich mich vorbereitetete, etwas worauf ich mich freute, etwas was mich herausforderte und an meine Grenzen brachte. Etwas, was mich zwang, meine Komfortzone zu verlassen.

Und genau das fehlte mir in den letzten Wochen. Ja, ich arbeite und studiere und eigentlich hätte ich den Bachelor als nächstes Ziel. Doch ich bemerkte, dass ich mein Ziel aus den Augen verlor. Beziehungsweise auch, dass einige meiner vorstehenden Meilensteine an Bedeutung verloren. Und das machte mir ziemlich zu schaffen.

Heute hab ich diese Erkenntnis ziehen können. Ich bin Kübra, ich liebe es aktiv zu sein, im Flow zu sein. „Zielstrebig“, so beschrieb mich meine Grundschullehrerin. Und genau diese Kübra ging kurz unter, doch ich bin wieder hier und ich werde mich geduldig weiterkämpfen durch das Leben. Ich weiß, was ich will und ich habe eine Vision. Das bin ich und mein Schöpfer gibt mir Kraft und Geduld. Und ich lasse diese Gedanken hier nieder, damit ich mich stets in unangenehmen Phasen an mein früheres Ich erinnern kann und mir selber Mut zusprechen kann.

Das Ganze möchte ich noch mit einem Vers aus meiner Lieblinssure abrunden:

„O halde önemli bir işi bitirince hemen diğerine koyul“ – Insirah, 7

„Also wenn du entlastet bist, so strenge dich an“ – Insirah,7 (ich finde die türkische Übersetzung verständlicher. Jedenfalls ist mit diesem Vers gemeint, dass, wenn man eine Sache zu Ende gebracht hat, sich einer neuen Sache widmen soll. Kurz um: Focus.

Lange Rede kurzer Sinn: Focus on the good.

mein ruhe-, und reflektionsplätzchen ❤
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Allein sein.

alone.

Ja, das Fotografieren macht mir Spaß. Es erfüllt mich. Ich finde es wertvoll Momente festhalten zu dürfen. Ich bekomme die Möglichkeit, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und ihnen unterschiedliche Bedeutungen beizumessen. Ich liebe es mir Rückblicke zu verschaffen. Rückblicke über vergangene Ereignisse. Emotionen hervorzurufen, die sich tief gefestigt haben. Emotionen, die ich genossen habe und weiterhin genießen möchte.

Allein sein. Das Bild beschreibt es so gut. Das Privileg alleine mit sich selber Zeit verbringen zu dürfen. Ich schaue mir diese Frau an und genieße diesen Anblick. Allein sein. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Schwester.

Eines Abends lagen wir beide nebeneinander. Es war Sommer, das Fenster war weit geöffnet und die kühle Luft weitete sich im Raum aus. Wir haben uns über das Reisen unterhalten. Schnell stellte sich heraus, dass wir beide den Wunsch haben, alleine zu reisen. Ohne Begleitung, spontan, ziellos. Meine Schwester betrachtete die weisse Decke. Ihre Hände lagen auf ihrem Bauch. Dann sagte sie in einem ruhigen Ton etwas, was sich so tief bei mir einbrannte und ich emotional wurde und auch jetzt beim Schreiben wieder werde.

Sie sagte: „Wir haben es verlernt alleine zu sein. Wir haben Angst davor alleine zu sein. Angst davor, mit uns alleine zu sein. Wenn du es schaffst alleine glücklich zu sein, alleine mit dir Zeit zu verbringen, dann muss doch jeder weitere, der in dein Leben eintritt, es nur noch besser machen. Denn wenn du es geschafft hast, alleine zufrieden zu sein, brauchst du nicht jemanden, der dies nicht optimiert. Erst wenn du diesen Grad erreicht hast, bist du wirklich angekommen im Leben.“

Worte, die ich versuche sinngemäß wiederzugeben. Worte, die mich berührten. Worte, die mich bewegten. Worte, die mich weinen ließen.

februar2021

Alleine sein. Alleine glücklich. Alleine vollkommen…Allein…

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Ich beneide dich…

Wir sind gespannt. Ich habe alle bunten Würfel in meiner Hand umschlossen und lasse sie fallen. Mit aufgeregten Augen starren wir konzentriert auf die gewürfelten Farben. „Weiß!“ Wir wissen beide, was das bedeutet. Der letzte Zug. Ich gewinne. Ich gewinne, obwohl du ja eigentlich hättest gewinnen sollen.

Dein Kinn fängt sofort an zu zittern, du wendest deine Blicke ab. Du bist kurz davor lautstark zu weinen. Kurz davor dein Gesicht hinter deinen Händen zu verstecken. Kurz davor alles liegen zu lassen und zu gehen. Weil du traurig bist. Weil du enttäuscht bist. Weil du erhofft hast..

Ich beneide dich Kleiner. Ich beneide dich dafür, dass du so schnell auf Knopfdruck weinen könntest. Ich beneide dich für deine Echtheit, für deine Authentizität.

Ja, du bist enttäuscht und traurig und ja du darfst weinen und es sogar zeigen. Dein Inneres gleicht deinem Äußeren! Deine Gefühle und Gedanken sind mit deiner Mimik und Gestik deckungsgleich.

Ich beneide euch Kinder. Ich beneide eure Echtheit. Wir Erwachsenen sind abgestumpft. Wir würden selten dem Gegenüber unsere Verletzlichkeit offenbaren. Wir sind nicht echt. Wir sind auch nicht stark. Wir meinen es zu behaupten. Stark und Wiederstandsfähig ist in meinen Augen, jener, der auch echt lebt. Der so ist, wie er ist. Der keine Scheu davor hat, es nach außen hin zu tragen.

Abgestumpft sind wir. Wir fühlen viel. Manchmal auch wenig. Manchmal wissen wir auch nicht was wir fühlen oder ob wir überhaupt was fühlen. Unorientiert und gefangen in unserer eigenen Welt, unserer Gefühlswelt.

Ich beneide dich Kleiner! Ich möchte auch auf Knopfdruck weinen, genau wie du. Weinen, wenn mir Unrecht angetan wurde. Weinen, wenn ich mir zu viel erhofft habe. Weinen, wenn ich Bauchweh habe vor Traurigkeit! Weinen, wenn ich mich danach sehne. Weinen, wenn ich fühlen will.

Ich beneide dich Kleiner!

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Emotionale Intelligenz

Im Rahmen meiner Ausbildung wurde ich in einem der Prüfungsfächer, in einem bestimmten Thema, der sogenanten „Hochbegabung“ geprüft. Daher hatte ich die Gelegenheit mich intensiv mit dieser äußerst interessanten und wichtigen Thematik auseinanderzusetzen.

Heute geht es allerdings nicht um die Hochbegabung, da dies den Rahmen sprengen würde. Ich habe mich bewusst für einen Teil der Hochbegabung, der „Emotionalen Intelligenz“ gewidmet, da ich dies bzgl. viel Selbstreflexion betrieben habe und es in meinen Augen ein sehr wichtiges und interessantes Thema ist.

Nun zur Begriffserklärung- Emotionale Intelligenz

Emotional Intelligente Menschen sind in der Lage eigene Emotionen differenziert wahrnehmen und verstehen zu können. Sie sind kompetent genug Gefühle beeinflussen und regulieren zu können. Das bedeutet nicht, dass Sie Gefühle unterdrücken oder es bei Ihnen erst gar nicht zum Auftreten negativer Gefühle kommt. Im Gegenteil sie halten negative Gefühle genug aus, bzw. leben schwierige Zeiten in all ihren Phasen durch, um aber auch wieder stark und widerstandsfähig aus solchen „Downs“ rauszufinden, in den Alltag wiederzukehren und produktiv und leistungsfähig zu bleiben. Sie sind lösungsorientiert, sie wissen sich zu helfen, in dem sie beispielsweise bestimmte Glaubenssätze verinnerlicht haben und auf diese zurückgreifen. Sie verlassen die Opferrolle und übernehmen Verantwortung für das Gefühl, den Zustand oder das Problem. Auch haben sie eine Begabung darin Gefühle differenziert ausdrücken und wiedergeben zu können. Sie wissen viel über ihre emotionalen Befindlichkeiten Bescheid und damit einhergehend körperliche Veränderungen wahrzunehmen. Sie haben nicht nur eine differenzierte Eigenwahrnehmung bzgl. ihrer Emotionen, sondern auch eine geschulte Körperwahrnehmung. Sie erkennen Anspannungen am Körper schnell und differenziert, um folglich über diesen Weg Rückschlüsse über ihre Emotionen ziehen zu können. Auch hier haben sie bestimmtes Werkzeug, um diese Spannungen zu lösen. Sie bemerken Gefühle bereits im Anfangsstadium bzw. rechtzeitig, um so auf Befindlichkeiten angemessen zu reagieren bzw. Gefühle zu regulieren. Sie wissen was gut und schlecht für sie ist und sind gut gewappnet und schweren Situationen nicht komplett ausgeliefert. Für emotional intelligente Menschen ist das rechtzeitige Erkennen und Verstehen der eigenen Emotionen eine wichtige Vorraussetzung, um in bestimmten Situationen, vorallem in stressbelasteten Situationen angemessen Umgang zwischen ihren Gefühlen und ihrem Verhalten zu schaffen. Hinzu kommt, dass diese Menschen guten Zugang zu Gefühlen anderer haben. Sie sind empathisch und vielleicht sogar hochsensibel. Sie nehmen Gefühle anderer schneller wahr. Ihre Sinne sind geschärfter. Sie sind sozial-kommunikative Menschen, gute Gesprächspartner. Die Schätze unserer Gesellschaft.

Laut Daniel Goleman, einem amerikanischen Psychologen zeichnen Menschen, die beruflich erfolgreich sind, sich häufig nicht durch einen hohen IQ aus, sondern vor allem durch einen ausgeprägten Emotionalen Intelligenzquotienten aus.

Emotionale Intelligenz kann sowohl genetisch bedingt als auch gelernt sein. Gelernt in dem Zusammenhang, wie in der Kindheit mit Gefühlen umgegangen wurde bzw. welches Muster die engen Bezugspersonen (Eltern) vorgelebt haben/ leben. Glaubenssätze, Verhaltensweisen und Wahrnehmungen, die man von Vorbildern lernt, beobachtet, abschaut und umsetzt.

Ich habe mir wirklich viele Gedanken zu diesem Thema gemacht. Habe mich häufig gefragt, ob auch ich evtl. emotional intelligent bin. Ich habe regelmäßig meine Eltern bewusst beobachtet und ihr Verhalten im Zusammenhang mit „Umgang mit Gefühlen“ reflektiert. Ich habe überlegt, wie gross das Thema „Gefühle ausdrücken und darüber sprechen“ in meiner Familie geschrieben wird. Ich habe überlegt, welche Glaubenssätze meine Eltern prägen. Auch hatte ich insbesondere in einer zurückgelegten schweren Phase die Möglichkeit gehabt, gezielt zu beobachten, wie meine Eltern mit den Themen „Tod, Trauer, Kummer und allgemein Gefühlen“ umgehen.

Mir ist aufgefallen, dass meine Eltern viel über ihre Gefühle und körperlichen Empfindungen sprechen. Meine Mutter hat eine Gabe, Gefühle sehr gut ausdrücken und vorallem leben zu können. Sie ist sehr authentisch, echt. Wenn sie traurig ist, dann weint sie. Sie hat kein Problem damit zu weinen. Wenn sie glücklich ist, dann erkennt man auch das total gut in ihrer Mimik und Gestik. Sie lebt Gefühle in all ihren Phasen aus und kann dies authentisch nach außen hin zeigen. Mein Vater ist gut darin, positive Glaubenssätze zu pflegen und diese zu verinnerlichen. Er hat die Gabe in allem Schlechten, das Gute zu sehen. Auch wenn ich meinen Vater noch nie weinen gesehen habe, schätze ich ihn als sehr authentisch ein. Was ich insbesondere in dieser schweren Phase bemerkt habe, ist, dass sie sich viel Kraft und Halt geben. Sie geben jeweils dem Anderen genug Raum Gefühle leben und ausdrücken zu können. Durch motivierende Glaubenssätze bzw. Worte helfen und heilen sie sich gegenseitig. Sie leben die Traurigkeit, doch wissen sie auch gut, wieder in den Alltag zu kehren. Doch was meine Eltern so auszeichnet, ist das gemeinsame Reflektieren. Sie sprechen viel über ihr Denken, Fühlen und Handeln.

Euch bin ich für vieles dankbar.

Dieses Thema „Emotionale Intelligenz“ liegt mir deshalb so am Herzen, weil ich den Eindruck habe, dass es in unserer Gesellschaft häufig untergeht und emotional intelligente Menschen im Vergleich zu beispielsweise mathematisch Hochbegabten viel weniger Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen. Wir bedürfen mehr Aufklärungsbedarf.

Auch möchte ich diesen Beitrag für mich hier festhalten, damit ich mich an die Tage, die schweren Zeiten, die ich, bzw. wir hinter uns lassen, nachdenken und reflektieren kann. Damit ich eines Tages, wenn wieder solch eine Phase kommt, mich an meine eigenen Worte erinnern und mir selber Mut zusprechen kann…

Auch um anderen ein Bewusstsein zu schaffen, Gefühle wahrzunehmen, Muster zu erkennen und zu reflektieren. Anhand weniger Denkanstöße meinerseits..

Stellst du dir regelmäßig die Frage, wie es dir geht?

Kannst du Körperempfinden gut wahrnehmen und den Bezug zu deinen Emotionen herstellen?

Erkennst du Gefühle früh genug, um sie zu beeinflussen bzw. zu regulieren?

Gefühle leben und ausdrücken? Wie lebt ihr dieses Thema zu Hause? Wie leben deine Eltern Gefühle aus? Wie drücken Sie Gefühle aus?

Welchen Einfluss haben Sie auf deine Persönlichkeit, dein Denken und Fühlen..und und und..

Es gibt vieles worüber man reflektieren kann, nur Mut!

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Mein Herz

ich liebe dich.
27.12.2020

Du hast mich geliebt. Aufrichtig, Ehrlich, Bedingungslos. Nur geliebt. Geliebt wie kein Anderer.

Bei dir durfte ich sein. Bei dir durfte ich rumalbern wie ein Kind. Bei dir durfte ich weinen wie ein Kind. Bei dir durfte ich Lachen wie ein Kind. Bei dir durfte ich alles teilen, all mein Innerstes. Du hast mich niemals abgelehnt. Niemals verurteilt. Du hast nur geliebt. Alles an mir. Du hast die Menschen um dich herum geliebt. Du bist Jedem mit Offenheit, Vertrauen und Barmherzigkeit entgegengekommen. Du hast jeden so sehr geliebt, dass alle das Gefühl hatten am meisten von dir geliebt zu werden. In deiner Gegenwart hat sich jeder geborgen gefühlt. Deine Aufgabe auf dieser Erde war es nur zu lieben. Als ob du nur deshalb erschaffen wurdest, nur um andere Herzen zu erwärmen und jeden besonders fühlen zu lassen. Oma, du wurdest deiner Aufgabe mehr als gerecht. Danke, dass du meine Kindheit, Jugend alles was ich bisher erlebt habe mit viel Liebe gefüllt hast. Du hast mein Herz mit Liebe gefüllt. Von dir habe ich lieben gelernt. Mit deiner Liebe hast du mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute sein darf. Danke, dass du dich jederzeit um mich gesorgt hast. Danke, dass du immer für mich gebetet hast. Danke, dass du mich geliebt hast. Und Oma, ich bin mir sicher, dass keiner mich jemals so lieben wird, wie du es getan hast…

Allah, ich bezeuge, dass meine Oma dich am meisten geliebt hat. Ich bezeuge es. Ich bezeuge…

el fatiha..

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Für dich…

Der kalte Wind wehte mir ins Gesicht. Ich fühlte die Kälte meiner Hände. Meine Gedanken kreisten. Plötzlich klingelte es…

[…] noch im Hier und Jetzt habe ich deine wimmernde und zittrige Stimme im Kopf. „Kübra, meine Mama liegt im Koma. Kübra bitte..alles aber nicht meine Mutter..alles aber bitte nicht sie..bitte Kübra mach Dua ..“

Mir fehlten die Worte..dieser Schmerz, der in meinem Hals steckte.. die Tränen, die mir über meine kalten Wangen floßen.. und ich keinen Ton rausbekam..nichts kam aus mir heraus..nur der tiefe Schmerz..ein stechender Schmerz..eine Angst..

Du weintest am anderen Ende des Hörers. Du weintest zum ersten Mal. Du, die Starke.. Du, die mich immer in Schutz und Verteidigung nahm. Du, die immer vor und hinter mir stand..Du, die mir eine große Schwester war.. Du, die so Wiederstandsfähige. Du, die Selbstbewusste, Direkte, Optimistische, Mutige. Du..

Heute als du mit dem Tod konfrontiert wurdest. Als der Tod zur Realität wurde..und deine Welt zusammenbrach, hast du versucht mich in der Nacht zu erreichen. Du hast mit dieser tiefen Erschütterung, Fassungslosigkeit und Verzweiflung versucht mich in der Nacht zu erreichen. Es tut mir so Leid..ich wünschte, ich hätte es gehört..du hast am anderen Ende geduldig darauf gewartet, dass jemand abnimmt..doch keiner ging ran..Es tut mir so Leid..

Ich bin zutiefst traurig, bin stumm und weine immer wieder..ich denke an dich und mir kommen jedesmal die Tränen..ich denke mir, wenn es mich schon so trifft, wie muss es dir dabei gehen.. Es tut so weh..ich kann es nicht realisieren..ich wünschte, ich könnte dir Schönes ins Herz legen und dir ein starker Rücken sein..ich wünschte, ich könnte dir deinen Schmerz abnehmen, ihn mit dir teilen.. ich wünschte, ich könnte was Gutes für dich tun..

Doch außer meine Dua habe ich nichts..

2008

Damals trugst du nur mich auf deinen Schultern. Heute trägst du den gewaltigen Schmerz..den Schmerz, den wenige von uns kennen..den Schmerz einer grossen Prüfung..

Einer Prüfung, die nicht allen zugetraut wird..eine Prüfung, die nicht alle tragen können..Doch du wirst sie tragen Sara..Denn „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag.“ [2:286]

All dieser Schmerz, den keiner von uns je fühlen wird..dieser Schmerz, der dich durch Nächte begleiten wird, dieser wird dich noch stärker machen, als du es schon bist..Allah wird dir diese Kraft geben, um diese Prüfung zu bewältigen..und wir werden zu dir hochschauen..und dich als Vorbild nehmen..

Ich denke und bete an dich und deine Familie..Du bist meine Kindheit..du bist eine Freundin, die mir so viel Liebe geschenkt hat..ich liebe dich..und ich werde dich auf deinem Wege durch diese Prüfung aufrichtig und treu begleiten..

Dein Optimismus, dein Mut und deine Furchtlosigkeit machen dich heute zu dem, was du bist..

Du schaffst das, du bist Sara..

Eine Sara, die selbst in Krisensituationen Frömmigkeit an den Tag zu legen weiß..Eine Sara, die niemals aufgibt..Eine Sara, die immer weiterkämpft..Eine Sara, die Ihrem Herrn vertraut..Eine Sara, wie keine Andere..

Möge Allah deiner Mutter den schönsten Platz im Paradies ermöglichen, euch mit seiner Barmherzigkeit umarmen, dir Kraft und Geduld schenken..

Inna lillahi wa inna ilayhi raji’un“ (2.156)

el-fatiha…

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Gut ist halt Gut

„Und wie geht es dir heute?“

„Gut“

„Was heisst gut?“

„Gut! Gut ist halt gut“

„Hmm, auf einer Skala von 1-10. Wenn 1 „ganz schlecht gelaunt sein“ und 10 „in bester Laune sein“ bedeutet, wo befindest du dich da genau? Bei mir ist z.B eine 10 wenn ich mit bestimmten Menschen zusammen Zeit verbringe, Spaß habe und viel lache, eine bestimmte positive Emotion sehr intensiv erlebe und spüre. Wenn ich vor Aufregung und Glücklichkeit nur am grinsen bin. 3 ist wenn ich weine und traurig bin. Auf einer 1 war ich bisher nur einmal. Heute bin ich auf einer 7. Ich habe gut geschlafen, ich war heute morgen laufen, fühle mich fit, aber irgendwie fehlt es mir schon an etwas. Wo befindest du dich heute? 

„Hmm. Ich glaube eine sechs. Weißt du Kübra..ich bin eigentlich ein bisschen traurig, weil wir bald umziehen.“, sagte sie in einem leisen, brüchigen Ton und gesenkten Schultern.

Dieses Gespräch habe ich mit meiner achtjährigen Klientin geführt. In dem Moment als sie mir dieses Gefühl der Traurigkeit anvertraut hat, war ich doch sehr überrascht und irgendwie glücklich. Denn sie hatte mir ein Problem, welches sie beschäftigte, anvertraut. Ich habe diese Verzweiflung, Angst und Traurigkeit in ihren Augen ablesen können. Sie redete mit mir, sie vertraute mir, sie hatte ihre Türen mir geöffnet. Und so begann zwischen uns eine sehr vertrauenswürdige Atmosphäre. 

Doch nicht nur bei ihr, sondern auch in meinem privaten Freundschaftskreis habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass solche Skalierungsfragen bzw. spezifische Fragestellungen den Weg in eine vertraute Kommunikation erleichtern. Als ich eines Tages meiner besten Freundin solch eine Frage stellte, musste sie echt sehr lange überlegen, um eine Antwort darauf zu geben. Sie war still, hielt inne und schweifte mit den Gedanken ab. Es war still zwischen uns, sie brauchte Zeit zum Überlegen. Und irgendwann fing auch sie an ihre Gefühle wahrzunehmen und diesen Ausdruck zu verleihen. Langsam rührte sie ihren Kaffee und verlor den Blick, irgendwann erhob sie ihren Kopf und sagte in einem leisen Ton „Ich glaube mich hat noch nie jemand so richtig gefragt, wie es mir geht. Danke“. Diese Rückmeldung machte mich sehr glücklich und ich wusste genau was sie meinte. Ich kannte dieses Gefühl.

Eine so einfach formulierte Frage, auf die wir immer Ein und die selbe Antwort geben. Eine Frage, die oft gestellt wird, doch leider zu kurz kommt. Denn wir alle wissen, dass es nie ernst gemeint ist. Keiner von uns würde auf Anhieb auf solch eine simple Frage eine differenzierte Antwort geben. 

In dem heutigen Beitrag möchte ich betonen, wie wichtig es ist Fragestellungen ganz genau zu formulieren. Wenn ich ernsthaft am Gemütszustand einer Person interessiert bin, dann sollte ich vielleicht auch genauer nachfragen. Ich sollte mir Zeit für diese ernstgemeinte Frage geben und auch Zeit für die Antworten meines Gesprächspartners. 

Denn wie ihr auch an den oben genannten Beispielen sehen könnt, ist es doch interessant und überraschend zugleich wie Menschen auf so eine Frage reagieren. Im ersten Moment sorgt das sogar für Verwirrung. Sie sind gezwungen zu überlegen und wahrzunehmen. Ist es nicht wertvoll, dass solch simple Fragen die Grundlage für eine Vertrautheit zwischen zwei Menschen schaffen. In der Regel sind solche Skalierungsfragen gute Türöffner für eine angenehme und vertraute Kommunikation.

Eine Skala ist sehr individuell, jeder hat unterschiedliche Maßstäbe. Während ein stinknormaler Tag bei Jemandem als eine fünf eingestuft wird, kann es gleichzeitig von Jemand anderem auch als 8 eingestuft werden. Hierbei gibt es kein richtig oder falsch. Man veranschaulicht dem gegenüber lediglich ungefähr wie es einem geht. Das der andere das genauso erlebt und spürt wie du, wird höchstwahrscheinlich nicht passieren. Da wir alle Individuen mit verschiedenen Problemen, Erwartungen und Erfahrungen sind und vor allem unterschiedlicher Selbstwahrnehmung. Abgesehen davon, dass man dem anderen einen Eindruck vermittelt, geht es viel mehr um die eigene Selbstwahrnehmung. Wie wirkt sich das auf mich, meine Gedanken und Einstellungen aus, wenn ich mich selber reflektiere, meinen Gemütszustand bewusst wahrnehme. Es wird immer Unterschiede geben von Tag zu Tag und auch innerhalb eines Tages. Diese Skala kann variieren und darf und sollte sie auch. Was es für uns so wertvoll macht, ist einfach nur bewusst wahrzunehmen, wie es uns ergeht. 

Beispielsweise kannst du am Anfang jeder Woche so eine Skalierungsfrage dir selber stellen und dich dann auf eine Zahl einigen. Du kannst das jeden Tag machen und am Ende der Woche die Zahlen miteinander vergleichen. Entweder ist eine Verbesserung, Verschlechterung oder sogar eine Stagnation festzuhalten. Doch diese Tatsache und dieses bewusste selbst- wahr-nehmen wird einen gravierenden Einfluss auf deine Denkweise und Lebenseinstellung haben.

Noch eine kleine Anekdote, um den Sinn solcher Reflexionfragen besser nachzuvollziehen:

Ich habe mich gestern Abend mit einer sehr guten Freundin unterhalten. Sie erzählte mir, dass Sie ja eigentlich dieses Jahr so viel erreicht habe, doch trotzdem das Gefühl der Traurigkeit und Leerheit verspüre. Laut ihr verliefe jeder Tag gleich und naja irgendwie sei das Leben einfach langweilig.

Doch was hat diese Anekdote jetzt mir der eigentlichen Thematik auf sich:

Ich stellte mir dir Frage: Was wenn sie sich jeden Tag reflektieren, ihre Gefühle bewusst wahrnehmen und auf einer Skala festhalten würde. Würden sich im Laufe der Zeit ihre Gedanken und Wahrnehmungen nicht ändern? Natürlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn man sich regelmäßig solche Skalierungsfragen stellt und auch festhält, sich die Sichtweise auf das eigene Leben und das Befinden ändern könnte. Man denkt differenzierter nach, man vergleicht den einen mit dem anderen Tag und bemerkt, dass das Leben eigentlich doch nicht monoton verläuft, wie man denkt. Das nicht jeder Tag schlecht ist. Das man sich nicht immer traurig fühlt. Das es Unterschiede gibt. Das eine Dynamik herrscht.Vielleicht kommt man auch durch diesen Weg auf einen lösungsorientierten Ansatz und stellt sich die Frage „okay was brauche ich, um auf eine acht oder neun zu kommen?“ Man beschäftigt sich automatisch mit den eigenen Gefühlen. Man hört sich selber mal zu und versucht sich zu helfen.

Ich kann aus Erfahrung sagen, egal ob ich es regelmäßig bei mir oder bei anderen anwende, es hat sich immer als sehr wertvoll erwiesen. Es ist auch echt interessant zu sehen, wie Leute darauf reagieren. Man ist Teil intensiver und vertrauenswürdiger Beziehungen. 

Hierzu muss noch gesagt werden:

Selbstreflexion ist etwas was man durch regelmäßiges Wiederholen erlernt und auch immer besser darin wird. Genau wie alle anderen, neuen Sachen, die man neu erlernen und in sein Leben integrieren möchte, auch. Es benötigt viel Zeit, Geduld und intrinsische Motivation. 

„Wisse: Der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis. Wer sich selbst erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt“

Imam Al- Ghazali, Das Elixier der Glückseligkeit

Im Folgenden findest du noch weitere Fragen bzgl. der Selbstwahrnehmung:

  • Was bringe ich heute mit?
  • Was nehme ich heute mit?
  • Wie geht es mir auf einer Skala von 1-10?
  • Wie fühle ich mich im Vergleich zum Anfang der Woche?
  • Diese Emotion, die ich im Augenblick spüre, wo spiegelt sich sich in meinem Körper wieder?
  • Kenne ich diese Emotion? Erinnert sie mich an ein bestimmtes Ereignis, eine bestimmte Person?
  • Wie hört sich heute morgen meine Stimme an? Rau, brüchig, kratzig, weich..?
  • Habe ich heute schon gelächelt?
  • Was hat heute gut geklappt?
  • Welche Emotionen habe ich heute erlebt und wie heißen sie? (Hier vielleicht noch eine Idee: Da Emotionen individuell sind, kannst du ihnen auch ausgedachte Namen geben..)

Das sind die häufigsten Fragen, die ich mir regelmäßig stelle. Fallen dir noch bestimmte Fragestellungen ein? Wie reflektierst du deinen Gemütszustand?

PS: Ich bedanke mich bei einer bestimmten Person, die mir oft Skalierungsfragen gestellt hat und mich zum Nachdenken angeregt hat. Danke für dein ehrliches Interesse..